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1

»Auf Pia!«
Pia erhob mit den Kollegen das Sektglas. Alle Blicke ruhten auf ihr. Ihre Wangen brannten und prickelten. Wie sie es hasste, rot zu werden! Kurz schloss sie die Augen und merkte, wie die Hitze auf ihrer Haut nachließ. Einem nach dem anderen prostete sie zu, blickte in lächelnde, entspannte Gesichter.
»Auf unsere Kleine, die uns ganz groß rauskommen lässt. Mit dem neuen Kunden, den du gewinnen konntest, sind wir endgültig aus den roten Zahlen. Was du in den letzten Wochen geleistet hast …«
Pia wartete, dass Andreas weitersprach. Stattdessen stieß er noch einmal mit ihr an, stellte sich väterlich neben sie, legte seinen Arm über ihre Schulter, nickte ihr zu. Sie verbot sich ein Kopfschütteln. Unsere Kleine! Es war seine Art von Humor, die sie gelernt hatte zu ignorieren. Ja, sie war 1,62 Meter groß, mehr als einen Kopf kleiner als Andreas. Selbst nach all den Jahren wirkte sie mit ihren blonden kurzen Haaren eher wie eine Praktikantin der Werbeagentur.
Allgemeines Gemurmel breitete sich aus. Pia stellte ihr Glas auf den Tisch und schob die Hände in die Hosentaschen. Bei dem Gedanken daran, was sie sich vorgenommen hatte, wurden ihre Fingerkuppen kalt.
»Ist das nicht der perfekte Zeitpunkt, den gelungenen Auftrag auch mit einer dicken Gehaltserhöhung zu krönen?« Sie zwinkerte Andreas zu.
Sofort löste sich sein Arm von ihrer Schulter. Er starrte sie an, trat einen Schritt zurück, dann senkte er den Blick.
»Pia …« Es war ihm anzusehen, dass er mit allem gerechnet hatte, nur nicht damit.
»Endlich schreiben wir wieder schwarze Zahlen! Dank mir!«
»Langsam verstehe ich, wie du Baumann & Wagner zu diesem Vertragsabschluss getrieben hast. Wobei ich von Anfang an wusste, was in dir steckt.« Andreas drehte sich zu Marcel und begann ein Gespräch über die Notwendigkeit, Altbekanntes mit Neuem zu verbinden. Doch die Art, wie er seine Hände knetete und mit den Zehen wippte, zeigte, dass er mit seinen Gedanken woanders war.
»Achthundert mehr im Monat«, sagte Pia. Diesmal würde sie nicht lockerlassen.
Andreas blickte wieder sie an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn, schloss ihn. Er stieß geräuschvoll die Luft aus, fuhr sich durch die grauen Haare. So hatte sie ihn noch nie erlebt.
»Das meinst du nicht ernst.«
»Ich habe auch überlegt, ob ich mich ganz selbstständig mache. Nach dem bestehenden Vertrag ist es allen Kunden dann überlassen, ob sie weiter mit der Agentur zusammenarbeiten oder mit mir.«
»Okay, okay, lass uns am Montag unter vier Augen darüber reden.« Andreas blickte zu Boden. Eine Haarsträhne hing ihm schräg über die Stirn. Er lockerte seinen Krawattenknoten und öffnete den obersten Knopf seines weißen Hemdes.
»Montag. Um zehn?« Pia wusste, dass sie gewonnen hatte, dass Andreas es nur nicht offen eingestehen konnte. Doch das störte sie nicht.
Das war ihr großer Tag, auf den sie die ganzen Jahre hingearbeitet hatte. Nun wäre sie nicht länger »die Kleine« in der Runde von fünf Männern. Nie mehr würde von ihr erwartet werden, Kaffee für alle zu kochen, vor der Arbeit im Supermarkt Knabbereien für die Kunden zu besorgen und die Teller aufzufüllen. Nun konnte niemand mehr ignorieren, dass sie gut war, sehr gut sogar. Sie zog die Hände wieder aus den Hosentaschen. Es war geschafft und gar nicht so schwer gewesen – das war ihr persönlicher Sprung vom Zehn-Meter-Turm.
Sie ging zum Fenster, zog ihr Handy hervor und schickte eine Nachricht an Fabian.
Den Zug in zwei Stunden erreiche ich locker. Freu mich auf dich! Hab dir einiges zu erzählen.
Alles Weitere wollte sie ihm später persönlich sagen, wenn er sie vom Bahnhof abholte. Sie konnte es kaum erwarten. Erst dann würden sich die Dinge real anfühlen. Noch war dieser Sektempfang wie etwas, das sie im Fernsehen betrachtete oder das ihr jemand erzählte, ohne dass sie selbst beteiligt war.
Vier Stockwerke unter ihr, auf der anderen Seite der Mehrfachverglasung, staute sich der Berufsverkehr. Dumpf und leise drang das Hupen der Wagen herauf, sodass sie sich konzentrieren musste, es neben dem Rauschen der Klimaanlage überhaupt wahrzunehmen. Von hier oben wirkten die vorbeieilenden Menschen seltsam fern. Sie zogen die Mützen und Kapuzen tiefer in die Gesichter, manche öffneten ihre Schirme gegen den einsetzenden Schnee. In den Räumen der Werbeagentur war es dagegen so warm, dass Pia ihre Strickjacke bereits vor Stunden ausgezogen hatte. Es war geschafft!
Starr blickte sie weiter nach draußen. Mit der beginnenden Dunkelheit verwandelten sich die Menschen in Schatten, die vorbeiwischten. Sie zwang sich, ihre hochgezogenen Schultern zu entspannen. Es war geschafft, sagte sie sich noch einmal und wartete auf die Freude, wie sie sich in ihr ausbreiten würde, auf die Erleichterung, die Entspannung und die Genugtuung. Doch in ihrem Innern waren nichts als eine seltsame Leere und endlose Erschöpfung. Lag es an den durchgearbeiteten Nächten? An der Müdigkeit? Ob sie den Erfolg genießen könnte, wenn sie neben Fabian ausgeschlafen und mit ihm in Ruhe gefrühstückt hätte?
»Lasst uns feiern!«, rief Andreas. »Heute geht alles auf mich. Im Landhaus Burgeck ist schon ein Tisch für uns reserviert. Es gibt viele, die kämpfen, viele, die etwas wollen. Jetzt gehören wir zu denen, die nicht nur wollen, sondern auch können. Meine Güte, was klingt das pathetisch! Aber so ist es. Lasst uns feiern!«
Mit einem Mal waren Pias Zweifel weg und genauso dieses seltsame Glasglockengefühl. Sie hakte sich bei Andreas ein und ließ sich von ihm mitziehen. Man mochte über ihn sagen, was man wollte – seine Witze waren manchmal dämlich, er konnte überheblich sein, dass es nervte –, doch er riss mit seiner Begeisterung alle mit sich. Seine gute Laune und sein Optimismus waren wie eine warme Decke und ein Glas Glühwein im Anschluss an eine lange Winterwanderung.
Sie warf einen letzten Blick aus dem Konferenzraum nach draußen. Es war schnell vollständig dunkel geworden. Die Menschen waren nicht mehr zu erkennen, trotz der Straßenbeleuchtung, zu dicht war der Nebel. Von den Autos sah sie nur die Scheinwerfer, die zügig vorbeihuschten. Der Stau hatte sich aufgelöst. Und über den Dächern und dem Dunst schimmerte zwischen den Wolken hell ein Stück des Vollmonds hervor. Pia drehte sich um und stellte ihr Glas auf den Tisch.
»Auf, auf«, drängte Andreas, schob sie alle vor sich her, sodass Pia nur im Vorbeigehen ihre Jacke greifen konnte. »Aufräumen können wir am Montag, das Chaos läuft nicht weg.«

2

In ihrer Nachricht an Fabian hatte Pia geschrieben, dass sie noch kurz mit ihren Kollegen etwas trinken gehen wolle. Ein kleines Glas Rotwein, nichts essen, einfach nett zusammensitzen, die Arbeitswoche ausklingen lassen und ihren Erfolg feiern. Das ausgelassene Stimmengewirr legte sich wie eine schützende Hülle um sie, löste die Anspannung in den Schultern und die Verkrampfung in ihrem Kiefer.
Der Geruch von Marcels gebratener Forelle neben ihr, der Anblick der gerösteten Mandelstücke darauf und die Butterkartoffeln ließen ihren Magen aufknurren. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Mit einem Schluck Wein versuchte sie, den Wunsch nach etwas Essbarem zu mildern.
»Bestell dir doch auch was«, sagte Marcel. »Dein Magenknurren ist ja bis hierher zu hören.«
Sie sah auf ihr Handy. In einer halben Stunde ging ihr ICE nach Berlin. Um den zu erreichen, musste sie sich beeilen und hoffen, zügig ein freies Taxi zu bekommen. Der Schnee und der Nebel würden die Fahrt nicht erleichtern.
»Keinen Hunger.« Sie steckte ihr Smartphone in die Jacketttasche zurück und setzte sich auf die Stuhlkante.
»Das sieht aber anders aus, so wie du auf Marcels Essen starrst.« Andreas lachte.
»Darf ich mal probieren?«, fragte sie. »Nur einen Happen?«
Marcel schob seinen Teller in ihre Richtung und nickte.
Langsam faltete Pia die Serviette auseinander, legte sie auf ihren Schoß, nahm die Gabel, drückte damit ein Stück Fisch und eine kleine Ecke von der Butterkartoffel ab, pikte dann ein Stück Mandel auf. Sie spürte die Wärme des Essens an ihren Lippen und auf ihrer Zunge. Die Butter auf der Kartoffel! Die Kartoffel an sich! Die Mandel, so angebraten, dass sie kräftig, gleichzeitig nicht bitter war. Und der Fisch! Es schmeckte noch besser, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie war nie zuvor in diesem Restaurant gewesen, konnte aber nun gut nachvollziehen, warum alle davon schwärmten.
»Okay, überzeugt«, sagte sie und hob ihre Hand, um die Bedienung heranzurufen. Wann gab es schon einmal einen solchen Erfolg zu feiern? Wie sah es aus, wenn sie, die heutige Hauptperson, die Feier als Erste verließ? Fabian würde es verstehen.
Ihr Hunger war inzwischen ein so schmerzhaftes Nagen in der Magengegend, dass sie ihn kaum ignorieren konnte.
Zu ihrem Menü – Suppe, dann Forelle mit Kartoffeln und Salat, anschließend Crème brûlée – wählte sie einen fruchtigen Weißwein.
Es wird heute doch nichts mehr. Wir feiern noch den Vertragsabschluss. Rufe dich morgen früh direkt an. Liebe dich!
Sie zögerte kurz und schickte die Nachricht ab. Am Anfang ihrer Beziehung hatten Fabian und sie abgemacht, das Berufliche vornan zu stellen. Jeder sollte erst einmal im Job Fuß fassen, sich auf sich selbst konzentrieren. Das Thema Zusammenziehen und Familiengründung eilte nicht. Dann hatten sich beide im Laufe der Zeit an die positiven Seiten gewöhnt, die es mit sich brachte, den Alltag unter der Woche allein nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Im Gegenzug war jedes Treffen, jedes gemeinsame Wochenende wie ein Kurzurlaub gewesen. Trotzdem regte sich in ihr ein inneres Grummeln, das sie versuchte beiseitezuschieben.
Die Verhältnisse hatten sich verschoben. Sie war inzwischen diejenige, die mehr arbeitete, Verabredungen häufiger platzen ließ, keine Zeit fand, zurückzurufen, und auf manche Nachricht so spät antwortete, dass er schon weitere Mitteilungen geschickt hatte.
Ihm behagte das nicht, das wusste sie, obwohl er nicht darüber sprach. Sie merkte es daran, wie kurz angebunden er reagierte, sodass sie immer länger brauchten, bis sich bei ihren Treffen nach einer anfänglichen Schweigephase ein ausgelassenes Plaudern ergab.
Früher hatte es nur ein paar Minuten gedauert, bis sie ihre Finger kaum mehr vom andern lassen konnten, bis sie seine Lippen auf ihren schmeckte, weich und warm mit dem Geschmack nach Zitronenbonbons.
Mit dem Handy schob sie auch die Gedanken an Fabian beiseite. Bald waren ihre Grübeleien vollständig verschwunden. Die Stimmung wurde gelöster, Andreas hatte es nicht länger nötig, seine Position als Agenturleiter zu demonstrieren. Er konnte richtig witzig sein! Locker! Kreativ und ein guter Zuhörer! So kannte sie ihn gar nicht! Im Verlauf des Essens breitete sich allmählich eine angenehme Sättigung in ihr aus.
Dass die Zeit so schnell verging, dass es so spät geworden war, bemerkte sie erst, als der Restaurantbesitzer an ihren Tisch trat und erklärte, dass sie eigentlich um 24 Uhr schließen würden und es nun schon kurz nach zwei war.
»Ich zahle«, sagte Andreas. »Würden Sie uns bitte auch noch zwei Taxis bestellen?«
Scherzend gingen sie ein paar Minuten später zu sechst nach draußen. Wie kalt es geworden war! Pia schob die Hände in die Jackentaschen. Der Schnee war zwar geschmolzen, aber auf dem Boden hatte sich eine Eisschicht gebildet, die im Licht der Laternen glitzerte. Durch die dünnen Ledersohlen erreichte die Kälte erst ihre Füße, bald breitete sie sich in ihrem gesamten Körper aus. Da half es auch nicht, dass sie unruhig von einem Bein aufs andere trat. Aus zehn Minuten, die sie warteten, wurden zwanzig und dann eine halbe Stunde.
»Die Wagen kommen nicht. Wir sollten noch mal anrufen«, sagte sie, »und nachfragen.«
»Totaler Quatsch.« Marcel schnaubte laut und wandte sich an Andreas. »Ich fahre. Hätte ich sowieso angeboten, wenn du nicht so schnell gewesen wärst mit der Taxibestellung. Bei meinem Siebensitzer bleibt sogar noch ein Platz frei. Er steht direkt um die Ecke.«
»Jemand anderes sollte fahren.« Andreas nahm sein Handy. »Ich kläre das mit der Taxizentrale. Du hast getrunken.«
»Getrunken?« Marcel lachte auf. »Ein halbes Glas Wein! Vor Stunden schon!«
In Pias Innentasche vibrierte es. Sie zog ihr Smartphone hervor, trat ein paar Schritte beiseite und las die Nachricht. Fabian!
Ich denke, wir müssen unsere Beziehung generell überdenken und ernsthaft darüber sprechen. Wir sollten aufhören, uns etwas einzureden. Ich schätze dich sehr, das weißt du. Deine Warmherzigkeit, Offenheit, Direktheit, dass du eine Kämpferin bist. Aber ich denke, es ist besser, erst einmal getrennte Wege zu gehen. Jedenfalls vorerst, um dann eine gemeinsame Entscheidung zu treffen, füreinander ohne Einschränkungen oder eben nicht.
Pia atmete tief ein und stockend wieder aus. Sie musste ihr Handy fest umklammern, damit es ihr nicht zwischen den Fingern hindurchrutschte. Hatte Fabian jetzt völlig den Verstand verloren? War es nicht typisch für ihn, lange Zeit nichts zu sagen und dann so einen Knall zu produzieren? Und das mitten in der Nacht! Wenn er nicht schlafen konnte, wurde er unausstehlich. Diese »philosophisch melancholischen Momente«, wie sie es nannte, kannte sie bei ihm nur zu gut. Morgen würde es schon wieder anders aussehen. Sie verharrte in Kältestarre, bemerkte, dass Marcels Wagen neben ihnen am Straßenrand stoppte. Dabei hatte sie gar nicht mitbekommen, dass er überhaupt aufgebrochen war, um das Auto zu holen.
Sie tippte eine Antwort.
Wenn du meinst, dass eine Art Beziehungspause zu einer Erleuchtung führt? Aber wie auch immer: Man sieht sich.
Pia unterdrückte das Bedürfnis, gegen den Vorderreifen zu treten. Sie wusste nicht, über wen sie sich mehr ärgerte, über Fabian und seine unvermittelten Ausbrüche oder über sich selbst, wie sie darauf jedes Mal mit einem Trotz reagierte, den sie an sich hasste, der sie dastehen ließ wie ein Kindergartenkind an der Supermarktkasse, dem die Eltern verboten, eine der unzähligen bunten Süßigkeitenpackungen zu nehmen.
»Also, was ist jetzt?«, fragte Marcel.
Pia blickte sich um. Die fünf Männer waren bereits eingestiegen. Sie stand allein in der Kälte und der Dunkelheit. Ihr Verstand sagte ihr, dass es stimmte, was Andreas gesagt hatte: Marcel hatte getrunken. Gleichzeitig wollte sie einfach nur weg von diesem abgelegenen Gasthaus, weg von ihren Problemen, von den Gedanken an Marcel, weg von allem.
»Ach, verdammt, fahren wir.« Pia und umfasste den Türgriff. Sie wollte nicht länger in der Kälte herumzustehen und auf ein Taxi warten, das schlussendlich doch nicht käme. Und sie ertrug das Alleinsein nicht. Sie brauchte nicht zu reden, es reichte zu wissen, dass dort noch andere auf der Welt waren, die ihr gerade jetzt keine Vorwürfe machten. Dennoch zögerte sie kurz, ließ den Türgriff wieder los. »Und du hast wirklich nur ein halbes Glas Wein getrunken?« Wenn sie sich recht erinnerte, waren es zwei oder drei Gläser gewesen.
»Glaub mir, ich weiß, wann ich fahren kann und wann nicht.« Marcel kam um den Wagen herum, stellte sich auf ein Bein und hob beide Arme hoch. »Sollen wir mal sehen, wer von uns länger so stehen kann? Das ist Yoga. Gelernt im letzten Geburtsvorbereitungskurs. Na, wenn ich damit nicht durch jede Polizeikontrolle komme.«
Pia lachte. »Quatschkopf.«
Er öffnete ihr mit großer Geste die Beifahrertür. Sie stieg ein und ließ sich gegen die Rückenlehne sinken, die angenehm warm war. »Wow, eine Sitzheizung«, sagte sie und merkte, wie belegt ihre Stimme klang, jedes Wort zentnerschwer mit Melancholie angefüllt.
Die Lichter der Straßenlaternen und Häuser nahm sie durch ihren Tränenschleier nur verschwommen wahr. Sie war froh, dass in der Dunkelheit niemand erkennen konnte, wie es ihr wirklich ging.
Ein Spiegeln auf der Fahrbahn irritierte sie. Erst dachte sie, es sei wegen der Tränen, und rieb sich die Augen. Doch das Glitzern tauchte immer wieder mitten auf der Landstraße auf. Nicht nur der Weg vor dem Gasthaus war vereist, sondern auch die Straße, auf der anscheinend nicht gestreut worden war.
»Fahr langsamer«, sagte sie. »Die Straße ist voller Eis. Verdammt, guck dir das an.«
Marcel reagierte nicht, plauderte weiter. Dann stöhnte er auf. »Ein Laster. Und wie der kriecht! Dass das jetzt noch sein muss! Warum nimmt der nicht die Autobahn und quält sich über die Käffer?« Er setzte zum Überholen an.
Das helle, weiße Licht tauchte so schnell vor ihnen auf, dass Pia es erst bemerkte, als es knallte. Es zischte, splitterte und quietschte. Ein Motorrad flog vor ihnen hoch, während sie sich drehten, und krachte donnernd vor ihnen auf die Erde. Alle Luft wurde ihr aus der Lunge gepresst.

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