Schmidts zweiter Frühling (Kurzgeschichte)

 

Wie Schmidt ihn hasste, den Frühling! Er liebte Ordnung, Gleichmäßigkeit, Symmetrien und alles, worüber er die Kontrolle behalten konnte. Jeden Herbst wurden seine Nerven einem Belastungstest unterworfen, wenn aus der Nachbarschaft die bunten Blätter des Kastanienbaums über seinen Rasen wehten und sich zwischen den Ästen seiner perfekt gestutzten Sträucher festsetzten. Es sah in seinem Garten allmorgendlich aus, als hätte ein kleines Kind böswillig mit einem Farbpinsel Kleckse auf sein wohlüberlegt gestaltetes Bild gespritzt. Bei dem herbstlichen Blick aus dem Fenster musste Schmidt zuerst die Augen schließen, um nicht die Fassung zu verlieren.
Im Frühjahr war es noch schlimmer. Dann erfasste die Anarchie seine eigene Wiese. Obwohl er seit mehr als zehn Jahren alles sichtbare Unkraut aus dem gleichmäßigen Grün mit einem Messer großzügig ausgestochen hatte, begann sich der Löwenzahn erneut auszubreiten. Manchmal konnte ihn seine Frau Lena trösten und ihm die Empfindung vermitteln, dass sie ihn ernst nahm und mit ihm fühlte. Das funktionierte selten, denn Schmidt ahnte, was in Lena vorging. Er wusste, was Lena dachte, wenn auf ihrem Nachttisch der Text von Eduard Mörike aufgeschlagen lag. „Er ist’ s“, las Schmidt spöttisch und zugleich erschrocken. Oder er musste auf die Wörter von dem Aufrührer Theodor Fontane blicken, der forderte: „O schüttle ab den schweren Traum / und die lange Winterruh; / es wagt es der alte Apfelbaum, / Herze, wag’s auch du!“
Warum, warum las Lena immer wieder diesen Schwachsinn, ärgerte sich Schmidt. So sehr er sie achtete und sich bemühte, sie in ihrer Vorliebe für wild wachsende Schneeglöckchen zu akzeptieren, aber das ging zu weit! Doch er zwang sich, darüber hinwegzusehen. Er schuldete es Lena. Sie war der einzige lebende Mensch, der seine Ordnungsliebe nicht als Pedanterie bezeichnete, seine Sparsamkeit nicht als Geiz.
Lena, dachte Schmidt. Seine Hände und Füße waren kalt wie in jeder einzelnen Minute der vergangenen zwei Monate, die er allein zu Hause verbracht hatte. Unter seinen Fingernägeln schien die Haut bläulich, als hätte er sie eine Viertelstunde in Eiswasser getaucht. So sehr er die Handflächen aneinander rieb, es half nicht. Es war, als wäre mit dem Tag, an dem Lena ins Krankenhaus kam, der Winter in ihn eingedrungen. Nur in den kurzen Stunden, die er neben Lenas Bett verbringen durfte, wurde es besser mit der Kälte. Dann nahm er ihren Arm und streichelte sie, flüsterte Lena zu, dass sie durchhalten sollte, dass er sie vermisste, dass er sie liebte. Er wollte nicht weinen. Warum hatte er ihr das nicht viel öfter gesagt, fragte sich Schmidt. Er brauchte sie und würde alles, jedenfalls fast alles, für sie tun.
Schmidt gab ihr einen Abschiedskuss, bevor die dicke Krankenschwester mit der spitzen Nase hereinkam und ihm mitteilte, Lena benötigte Ruhe und er müsste gehen. Warum sollte Lena von seinen geflüsterten Worten gestört werden, wenn die Geräte neben ihrem Bett piepsten und surrten und das Beatmungsgerät einen solchen Lärm machte, als befände er sich in einer Maschinenhalle?
Allmorgendlich beobachte Schmidt, wie die Tage heller wurden. Schließlich sah er auf dem Weg zum Krankenhaus in einem ungepflegten Beet das erste blühende Schneeglöckchen des Jahres.
„Ich habe ein Schneeglöckchen gesehen“, flüsterte er wenige Minuten später in Lenas Ohr. Ihre Haut fühlte sich warm und weich an. Für einen  Moment glaubte er, ein kurzes, schwaches Beben an ihren Lidern wahrgenommen zu haben. Die Augen blieben geschlossen. Das Beatmungsgerät pumpte gleichmäßig weiter und hob den Brustkorb rhythmisch. An den vorbeilaufenden Kurven auf den Monitoren war keine Veränderung erkennbar.
„Bald werden es noch mehr sein.“
Gerne hätte er Lena versprochen, ein paar Schneeglöckchen mitzubringen, doch das war verboten, solange sie die Intensivstation nicht verlassen durfte.
Zu Hause angekommen, weinte Schmidt. Nicht darüber, dass der Frühling kam, nicht vor Angst vor dem anarchistischen Löwenzahn. Er dachte an den Gedichtband, der in diesem Jahr nicht auf Lenas Nachttisch lag und fragte sich, wie er sich der Vorstellung hingeben konnte, Lenas Lieblingsbuch ins Altpapier zu werfen. Er beschloss, seiner Frau jeden Tag bei seinem Besuch daraus vorzulesen. Obwohl niemand wusste, ob sie ihn verstand, war er sich plötzlich sicher: Sie würde die Gedichte hören und er würde lesen. Er suchte das Buch mit dem Ledereinband aus dem Regal und legte es auf der Garderobe bereit neben seinen Hut.
Am nächsten Tag zählte er vierzehn Schneeglöckchen auf dem Weg zum Krankenhaus. „O schüttle ab den schweren Traum“, las Schmidt zehn Minuten später. Er dachte nicht an den Winter, sondern an Lenas Schlaf. „Und die lange Winterruh’, es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag’s auch du!“
Wieder glaubte er, ein Zittern an ihren Lidern entdeckt zu haben, diesmal war es sogar, als hätte sie ihren rechten Zeigefinger gebeugt. Er nahm Lenas Hand. Es war nicht zu leugnen. Sie drückte, zwar schwach, aber sie drückte. Schmidt sprang auf und betätigte den Alarm.
„Sie hat sich bewegt, die Augen, die Hand“, schrie er.
„Gehen Sie an die Seite!“
„Aber ich darf sie jetzt nicht allein lassen!“
„Frau Schmidt“, hörte er einen der Ärzte sagen, „Frau Schmidt, hören Sie mich?“
Der Arzt sprach so nervös, dass Schmidt verstand, warum Lena nicht antwortete. Er hätte an ihrer Stelle auch geschwiegen. Vier Ärzte und zwei Krankenschwestern versuchten Schmidt davon zu überzeugen, dass er sich geirrt hatte.
Die ganze Nacht grübelte er schlaflos und blätterte in Lenas Lieblingsbuch. Schmidt wusste, dass er ihr das Wichtigste zuerst vorlesen wollte. Aber was war das Wichtigste? Als es draußen dämmerte, verspürte er einen Impuls aufzustehen. Musste er nicht den Rasen überprüfen nach Löwenzahnblüten oder Gänseblümchen? Diesen einen Tag durchbrach er sein Ritual. Er zwang sich dazu. Und mit dem Entschluss kam die Panik. Schmidt fasste sich an die linke Brust. Der Schmerz zog sich bis in den Arm hinein, dass er grübelte, ob es ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall war, der ihn packte. Einige Minuten wartete er auf seinen Tod. Der Schweiß brannte in seine Augen. Er versuchte, ruhig zu atmen. Schmidt harrte regungslos.
Irgendwann war sein Herz zu erschöpft, den schnellen Puls aufrechtzuerhalten. Schmidt konnte durchatmen. Das Stechen im Arm und in seinem Oberkörper hörte auf. Langsam richtete er sich auf und legte sich, ohne weiter an den Garten zu denken, in sein Bett.
Mit dem braunen Buch unter dem Arm brach er am Nachmittag auf. Kurz zweifelte er, ob er nicht umdrehen sollte, um nach dem Garten zu sehen. Doch Lena wartete.
„Nicht so sehr der neue Schimmer tat’s, dass wir meinen, Frühling mitzuwissen … wenn wir in der Wandlung, die begann, uns schon vorverwandelter entdecken“, las Schmidt eine halbe Stunde später. Langsam blätterte er um. Da war es, das schwache Blinzeln in Lenas Gesicht. Er beugte sich über sie und küsste ihr Ohr, ihre Wange und ihre Hand.
„Lena.“
Er zitterte. Ein Gurgeln kam aus ihrem Rachen zwischen den Schläuchen hervor.
„Lena, wir können Blumen im Garten pflanzen, Schneeglöckchen“, flüsterte er ihr ins Ohr und dachte gleichzeitig, wie blöd es war, was er sagte. Frühestens im folgenden Jahr würden in seinen kahlen Beeten Schneeglöckchen wachsen können. Lena sah ihn mit geöffneten Augen an.
„Oder andere Blumen“, fügte er hinzu. Dann versagte seine Stimme.

 

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