Überarbeitung – Aus einem Wortgebäude ein Schloss entstehen lassen

Ich gratuliere allen erfolgreichen Teilnehmern von NaNoWriMo! Denjenigen, die nicht so viel geschrieben haben, wie sie wollten, lege ich diesen Artikel von Richard Norden ans Herz:

ZUM ARTIKEL „Warum Wordcount nicht alles ist“

Die Frage ist, wenn der Text – ohne oder mit NaNoWriMo – fertig ist, was dann? Am besten gleich an so viele Agenten und Verlage wir möglich schicken oder selbst herausbringen? Ohne Überarbeitung hat man mit der Taktik so gut wir keine Erfolgsaussichten. Vieles läuft beim Überarbeiten intuitiv, doch ich habe mir einmal genau überlegt:

Wie geht eigentlich ein Überarbeiten vor sich?Welche Schritte lohnt es sich zu beachten? Darum soll es in diesem Tutorial gehen.

1) Text einmal liegenlassen, eine Auszeit nehmen, einen anderen Text bearbeiten

Das führt nur zu Zeitverlust? Nein. Gerade die Distanz verschafft einen neuen Blickwinkel.

2) Exposé oder Longline erstellen

Viele Autoren fluchen darüber, dass Agenturen / Verlage immer ein Exposé lesen wollen. Doch diese kurze Zusammenfassung des eigenen Textes auf 2-5 Seiten kann mehr! Wer sie sich nach Fertigstellung noch einmal vornimmt, kann auf diese Weise auch für den eigenen Text profitieren, um ihn inhaltlich zu überprüfen. Nie sieht man Unstimmigkeiten so gut, wie auf solch knappem Raum! Das ist eine Chance, die lohnt sich zu nutzen! Hier wird auch deutlich im Vergleich zum Roman, ob alle wichtigen Handlungselemente vollständig beschrieben sind.

Wer die standardisierte Form vom Exposé nicht mag, kann sich auch selbst folgende Fragen noch einmal stellen und sie beantworten:
– Was zeichnet die Hauptfigur aus? Was sind seine / ihre Ziele?
– Wer oder was ist die Kraft, die sich der Hauptfigur in den Weg stellt? Sind beide Kräfte ausgeglichen?
– Was zeichnet diese Geschichte im Unterschied zu anderen Geschichten aus?
– Kommen Teile vor, die gar nicht zur Prämisse gehören? (Kürzen!)

3) Drucke Deinen Text aus oder übertrage ihn auf einen Reader und lese ihn noch einmal

Es ist unglaublich, wie viele Fehler man entdeckt, sobald das Layout gewechselt wird, man nicht mehr am Computer sitzt, sondern mit dem Text auf einem anderen Medium an einem anderen Ort beschäftigt ist.

4) Lies Deinen Text laut vor, oder noch besser: Höre sie Dir mit der im Betriebssystem integrierten Sprachausgabe an
Die Stimmen klingen langweilig, viel zu monoton? Genau das ist das Gute daran, denn so stößt man auf Spannungshänger im eigenen Text, einfach auf das eigene Einschlafgefühl vertrauen 😉

Konkret lohnt es sich auch noch zu überprüfen:
– Ist die Verwendung der Zeitstufen einheitlich?
– Ist die Satzlänge abwechslungsreich? Zu viele kurze, abgehackte Sätze ermüden genauso wie Bandwurmsätze.
– Füllwörter streichen (ja, doch, etwa, ungefähr …)
– Spannung überprüfen: Wurde eventuell zu früh zu viel verraten?
– Wortwiederholungen suchen und ändern

5) Text von Kollegen im Tausch gegenlesen
Das ist meiner Erfahrung nach neben einem „richtigen“ Lektor der Weg, der das meiste Verbesserungspotenzial bietet. Freunde und Familienmitglieder gegenlesen lassen? Es funktioniert selten, oft ist es für die Menschen, die einem nahestehen, schwer, Kritik zu üben. Bei dem Tauschlektorat mit Kollegen können beide Seiten profitieren.

Die Liste ist recht lang, auch wenn sie längst nicht vollständig ist. Mal eben Korrekturlesen, das funktioniert nicht, auch nicht nebenbei. Die Überarbeitung ist meiner Erfahrung nach ein Schritt, der mindestens so viel Zeit in Anspruch nimmt wie die Erstfassung. Wer mit dem Schreiben am Anfang steht, ist oft erst einmal frustriert. Endlich ist der Roman fertig und jetzt kommt noch ein Haufen Arbeit?

Positiv formuliert: Jetzt kommt der Schritt, der aus einem Wortgebäude ein Schloss entstehen lassen kann!

Foto oben: © fovito – Fotolia.com

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