sich Raum schaffen

»Ich würde ja so gerne (hier kann man wahlweise anfügen: bloggen, schreiben, malen, ein Instrument lernen …), aber ich komme einfach nicht dazu.«

Häufig habe ich solche Klagen gehört, manchmal verbunden mit einem Stück Bewunderung, denn ja, ich habe immer geschrieben, seit mehr als zwanzig Jahren, als Single, verheiratet, ohne und mit Kindern, neben dem Beruf und als hauptberufliche Autorin.

Das heißt nicht, dass ich nicht auch heute oft darum kämpfen muss, um an dem festzuhalten, was mir wichtig ist. Bei mir ist es das Schreiben, aber die Thematik ist für alle, die sich mit Kunst, Literatur oder Musik beschäftigen, die gleiche. Der Einfachheit halber rede ich nur vom Schreiben, übertragbar ist es auf jede Leidenschaft, die das Leben bestimmt.

Anfangs ist es leicht, sich zu motivieren, wenn man gerade angefangen hat mit dem Schreiben. Es ist etwas Neues. Aufbruch. Große Pläne und Ziele. Träume.

Irgendwann stellt sich Ernüchterung ein, spätestens, wenn der dritte Roman sich immer noch nicht verkauft, die zweihundertste Absage von Agenturen und Verlagen eintrifft und es inzwischen so viele sind, dass man damit die eigenen Wände tapezieren könnte. Zu dem inneren Druck »Es muss jetzt mal klappen«, fangen sich Freunde und die Familie an zu wundern. Was macht sie/er da eigentlich die ganze Zeit, wenn nichts dabei herauskommt?

WENN es endlich klappt, wenn der erste »richtige« Vertrag oder Verkaufserfolg da ist, müsste es doch leicht werden, so hatte ich anfangs gedacht. Das Traurige (und gleichzeitig das Tröstliche für alle, die gerade beginnen) ist, dass es nicht einfacher wird. Dann kommt der Zeitdruck der Abgabetermin hinzu, die Notwendigkeit, weiter Geld zu verdienen, allein schon, um die nächste Steuervorauszahlung und die Sozialabgaben aufzubringen. Kinder werden krank, man selbst fühlt sich auch nicht jeden Tag gut. Hinzu kommen die üblichen Störungen des Alltags: defekte Waschmaschinen, Handwerkertermine, Arztbesuche … Diese Liste der Störmöglichkeiten ist endlos und meistens wird man aus der Konzentration gerissen, wenn man gerade so gut in den Fluss gekommen ist.

Wie es mir gelingt, dass ich IMMER schreibe, außer, ich bin wirklich so krank? Ich glaube, es ist die Sturheit, mir meinen eigenen Raum zu schaffen. Vor Kurzem habe ich mir ein Büro gemietet, um unabhängiger zu sein, wenn zu Hause der Bär tobt. Aber es muss gar kein Büroraum sein, nichts, was mit zusätzlichen Kosten verbunden ist. Wer wartet, bis die Einkünfte reichen, um sich so etwas zu leisten, wartet zu lange.

Es gibt viele realistische und kostenlose Möglichkeiten, sich Raum und damit Freiraum FÜR die Kunst zu gestalten. Die Frage ist nicht: »Wie bezahle ich ein Büro?«, sondern es geht darum:

– An welchem Ort kann ich bei mir und für mich sein, ohne Verpflichtungen? (Am besten auch ohne Telefon, Türklingel und Geräte, die mit einem Alarmton verkünden, dass sie ausgeräumt werden sollen.)

– Wo fühle ich mich überhaupt wohl? Draußen? Allein oder mit Menschen in der Nähe wie im Café? Nah am Zuhause oder etwas weiter weg?

Das kann im Sommer eine Bank im Freien sein, ein Tisch in einem Café (wenn man Hintergrundgeräusche als angenehm und nicht als störend empfindet), eine öffentliche Bibliothek. Vielleicht nur eine besonders hergerichtete Ecke eines Zimmers. Einen Roman habe ich in der Hessischen Landesbibliothek geschrieben, dort gibt es einen einzelnen Tisch auf der Empore, wo so gut wie niemand vorbeikommt, der Platz ist jetzt wieder frei 😉

Jeder hat andere Vorlieben und Bedürfnisse in Hinblick auf eine Umgebung, die Konzentration und Kreativität ermöglicht. Aber wenn man einmal weiß, was man sucht, ist es leichter, es dem Umfeld gegenüber durchzusetzen, dass man sich dorthin regelmäßig zurückzieht. Anfangs mag es noch zu Verwunderung führen, doch wie man sich selbst an die Routine gewöhnt, genauso gewöhnen sich auch die anderen daran. Sogar Kinder begreifen schnell, wenn man konsequent ist. Viel schwerer ist es, sich selbst den Raum zuzugestehen, sich zu sagen: Ich bin es wert (gerade wenn das, was man tut, kein »Wert« im Sinne von Geld bringt).

Aber es lohnt sich!

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