Mein Buch des Monats: Februar 2018

Andrea Hejlskov: Wir hier draußen: Eine Familie zieht in den Wald

(mairisch Verlag, September 2017, gelesen als E-Book)

Es ist kompliziert, das gilt nicht nur für Beziehungen, sondern auch für mein Verhältnis zu diesem Buch, das ein sehr persönliches ist: Eine Familie lässt die Zivilisation hinter sich und zieht völlig in die Einsamkeit des Waldes.

Wer mich kennt, weiß, wie begeistert ich von meiner Schreibhütte am Waldrand bin. Jahrelang habe ich mit Schreibblockaden und Zweifeln gekämpft, habe Manuskripte angefangen zu schreiben und nicht beendet, habe mich in Überlegungen verloren, was sich wie verkaufen könnte. Die Waldhütte ist für mich zu einem Ort geworden, den ich nicht missen möchte. Dort gibt es kein fließendes Wasser, aber Strom über eine Solaranlage. Es ist keine totale Abgeschiedenheit, sondern die Stadt ist direkt in der Nähe. Trotzdem ist es ein Ort, an dem der Alltag außen vor bleibt: kein Telefon, keine piependen Elektrogeräte, die ausgeräumt werden müssen, keine Türklingel, sondern Vogelgezwitscher, Eichhörnchen, Bäume, Natur. Es ist mein Reich, meine persönliche einsame Insel.

Andrea Hejlskov ist extremer. Die Gründe für die Frustration kann ich gut nachvollziehen. Man kauft Dinge, die man nicht braucht, konsumiert, ordnet sich ein, die Kinder versumpfen in einer virtuellen Welt von Bildschirmen. Familienleben? Nähe? Fehlanzeige. Was man selbst möchte, wonach man sich im Inneren sehnt, das ist so verschüttet, dass es sich oft nicht einmal realisieren und benennen lässt. Das, was bleibt, ist ein diffuses Gefühl von Unzufriedenheit und Entfremdung.

Mitsamt Mann und drei Kindern zieht Andrea Hejlskov in den schwedischen Wald, um genau das zu finden, was sie in der Zivilisation vermisst. Die Kinder gehen nicht mehr zur Schule, die Familie wird in erster Linie zu Selbstversorgern. Anstatt in ein fertiges Gebäude zu ziehen, steht über allem der Plan, mit eigenhändig gefällten Bäumen das eigene Haus mit eingener Hände Arbeit zu erschaffen.

Selbst ist der Mensch.

Selbst ist der Mensch?

Wird man wirklich unabhängig und frei, wenn man alles von sich stößt?

Wer ein Buch voller Naturromantik und erfolgreicher Glückssuche möchte, wird enttäuscht werden. Einfache Lösungen präsentiert der Text nicht, dafür ein facettenreiches, emotionales und realistisches Bild in einer teils wunderschönen, poetischen Sprache. Es ist ein Buch, das verleitet zum Träumen durch die Naturbeschreibungen und durch die Überlegungen: Was wäre wenn …?

Das Buch ist radikal, einmal inhaltlich durch die Entscheidung der Familie, alles Bisherige, wirklich ALLES von sich zu stoßen. Und gerade diese Radikalität finde ich spannend und interessant, eben weil auch nichts verschwiegen wird. Nein, man muss seine Kinder nicht von der Schule nehmen, nicht alles verkaufen, nicht selbst in den Wald ziehen. Als Vorbild sieht sich Andrea Hejlskov nicht, eher als zweifelnde Frau auf der Suche, die probiert, scheitert, neu probiert und ihrer inneren Stimme folgt. Fertige Lösungen bietet das Buch nicht, keine Wege, die übertragbar sind.

Man muss die Gedankengänge im Buch nicht vollständig nachvollziehen und ihnen zustimmen, man braucht keine extremen Handlungen planen, um für sich selbst beim Lesen etwas zu gewinnen. Gerade die Zwiespältigkeit und die Zerrissenheit zwischen Ursprünglichem und Eingezwängtsein schreit danach, eigene Wege zu finden.

Ich konkret bin kein Minimalist, würde auch nicht alle Dinge verkaufen, die ich nicht benötige. Für mich gilt es eher, wie ich es in „Die Zärtlichkeit des Augenblicks“ beschrieben habe:

Wenn ein Gegenstand ›nur‹ ein Gegenstand wäre, bräuchte jeder Mensch nur so viel Hab und Gut, wie in einen Koffer passt. Das, womit man sich umgibt, was man nutzt, berührt, an dem man sich erfreut und über das man sich ärgert, an dem man verzweifelt, das bekommt irgendwann eine eigene Seele. Es verbindet sich mit den Erinnerungen und Hoffnungen zu etwas, das über die Materie hinausgeht.

Dauerhaft in eine Hütte ziehen würde ich wohl nicht, zu sehr schätze ich die Annehmlichkeiten der Zivilisation, auch wenn ich gerne zeitweise darauf verzichte.

Trotzdem sind es ähnliche Fragen, die mich umtreiben, meine Antwort lautet anders. Und gerade das finde ich das Tolle und Bemerkenswerte an diesem Buch: Es provoziert, es ist nicht warmgespült. Es zwingt schon fast dazu, für seinen eigenen Standpunkt einzustehen und nicht nur mitzuschwimmen.


Hinweis zum „Buch des Monats“

Kommentare (2)

  1. Iris (schurken.blog) 23. Februar 2018 at 19:50

    Das Buch kommt auf meine Liste für den Urlaub. Danke für den Tipp!

    • Heike Fröhling 24. Februar 2018 at 10:00

      Es ist zwar kein Schurkenbuch, aber die Naturverbundenheit, die Überlegungen genereller Art, dieses Wechselspiel zwischen Mitmachen und Ausbrechen – das kann gut passen.Ich bin gespannt, wie Du es findest!

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