Hundeleben – Einfach im Gras sitzen

Kennt ihr das auch? Jahrelang verläuft das Leben gleichmäßig, man denkt in ähnlichen Bahnen und plötzlich passiert etwas, das die Weltsicht aus den Angeln hebt.

Aber von Anfang an: Letzte Woche hat sich unser Welpe Kenny die Pfote 4-fach gebrochen. Er wurde operiert, die Pfote ruhiggestellt, noch immer nimmt er Antibiotika und Schmerzmittel. Aber wie Welpen so sind: Sie sind weder für die reine Haus- noch für die Zwingerhaltung geboren. Sie wollen RAUS! Und wenn sie das wollen, meinen sie das so, ganz genau so, egal, ob sie laufen können oder nicht. Um dem Nachdruck zu verleihen, fangen sie an, Möbel anzunagen. Sie jaulen an der Tür. Klopfen von innen gegen die Scheibe. Bellen. Versuchen zu beißen, wenn sich jemand an ihnen vorbei nach draußen schleichen will. Und so verhalten sie sich, bis der Mensch begreift: Der Hund WILL nicht nur raus, er MUSS raus, damit nicht alle Hausbewohner durchdrehen.

Meine kreative Lösung war die Anschaffung eines Bollerwagens. Kenny reinsetzen, zur nächsten Wiese ziehen, dort raussetzen. Schon im Wagen sieht man, wie sich alle Sinne von Kenny öffnen. Am süßesten finde ich, wenn er etwas riecht, dann die Augen schließt und den Kopf dem Geruch zuwendet. Auch das Sitzen auf dem Gras ist für ihn ein Highlight. Jogger, Leute mit Kindern und Kinderwagen kommen vorbei (interessant), es gibt Stöcke zum Knabbern (lecker), Steine zum Riechen, Gras mit der Schnauze zupfen scheint auch sehr spannend zu sein.

Wer mich in diesen Tagen draußen sieht, wird zumeist Hund im Gras sehen, Frau daneben mit Buch in der Hand. Soweit, so gut. Noch letzte Woche dachte ich, es wäre kein Problem, sich abseits ins Gras zu setzen und die Sonne zu genießen. Tja, Irrtum.

Nein, es sind nicht die Jogger, die stören, sie laufen einfach vorbei, der Hund guckt auf und wieder runter. Es sind auch nicht die Kinder. Die bleiben eigentlich immer in Entfernung stehen, fragen manchmal etwas wie: Was hat der Hund Blaues an der Pfote? Wir plaudern nett, verabschieden uns, der Tag geht weiter.

Die meisten Hundebesitzer sind rücksichtsvoll, leinen ihre Hunde an oder führen sie dicht bei sich. Dann gibt es die anderen Hundehalter, eine ganz besondere Spezies, deren Existenz mir so gar nicht bewusst gewesen ist. Es sind nicht viele, aber 1-2 Begegnungen dieser Art an einem Tag ist leider die Realität. Und ein einziges Aufeinandertreffen reicht für ein ganzes Jahr.

Sie lassen ihre Hunde mit Volldampf bellend auf andere zurennen, auf ein „Würden Sie Ihren Hund bitte zurückrufen?“ reagieren sie nicht. Generell ist es eine schlechte Idee, Hunde auf fremde Menschen zustürmen zu lassen, egal ob mit Bellen oder ohne. Aber wenn jemand einen frisch operierten Hund hat, ist es fatal! Klar, wie soll der andere wissen, dass mein Hund verletzt ist? Deswegen habe ich das dem nahenden Frauchen und Herrchen zugerufen.

„Der tut doch nichts.“

„Der will nur schnüffeln.“

„Stellen Sie sich doch nicht so an.“

„Ist doch gar nichts passiert.“

„Nur ein bisschen dran riechen lassen“, das finde ich besonders witzig, wenn man bedenkt, dass es Rettungshunde gibt. Hunde haben eine verdammt gute Nase, sie brauchen sie weder in Maul oder Po des anderen Hundes zu stecken, um zu realisieren, wen sie vor sich haben.

Oja, ich bin wütend, was sehr selten passiert, sehr sogar! Denn was ich vorher nicht geahnt habe oder nicht realisiert oder mir die Welt zu sehr schöngeredet: Es ist kaum möglich, eine Stunde lang in Ruhe auf einer Wiese zu sitzen, ohne dass eine Rotztöle von Hund laut angerannt kommt, der Besitzer sich taub stellt.

Ich versuche, Zeiten zu nutzen, wenn niemand draußen ist, ganz früh oder ganz spät. Manchmal ist das zeitlich nicht möglich, aber ich will trotzdem mit meinem Hund raus. Das „Würden Sie bitte …“ oder „könnten Sie …“ habe ich mir abgewöhnt, auch zu diskutieren oder groß zu erklären, denn was ich gemerkt habe: Die Hunde hören in solchen Fällen immer deutlich besser als die Halter. Wenn ich aufstehe, auf sie zugehe, sie anbrülle und mit dem Finger wegzeige, gehen sie. Sogar die Beller halten sofort ihren Mund. Wow, das ist auch etwas, das ich vorher nie für möglich gehalten hätte. Die Hunde hören doch! Sie sind ungestüm, übermütig, manche meinen, sie müssten sich durch lautes Bellen erst mal wichtig machen, aber alle, wirklich alle, sind direkt abgezogen, als ich ihnen vermittelt habe: Ne, hier nicht hin, bei dem Zustürmen bin ich wirklich sauer.

Nur die Halter, die finden es eine Unverschämtheit, wenn ich ihre Hunde angehe. Ja, ich bin die, die entweder auf der Wiese rumsitzt oder unter einem Baum, die, die fremde Hunde anbrüllt. Hätte ich auch vor Kurzem noch für unmöglich gehalten.

Kommentare (o)

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Notwendige Angaben sind markiert *